Migräne ist ein schwerer Kopfschmerz, der Stunden oder Tage dauern kann und von Sehstörungen oder Übelkeit und Erbrechen oder beidem begleitet ist. Die Anfälle kehren meist immer wieder. Sie können in einem dafür empfänglichen Menschen durch Stress, bestimmte Nahrungsmittel und bestimmte Sinnesreize (helles Licht, Lärm, aufdringliche Gerüche) ausgelöst werden. Die Migräne tritt meist vor dem zwanzigsten, selten nach dem fünfzigsten Lebensjahr auf. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung habe schon einmal einen Miräneanfall erlebt; Frauen leiden dreimal so oft darunter wie Männer.
Es gibt verschiedene Arten von Migräne. Bei der gewöhnlichen Migräne ist der Schmerz in der Regel pochend und oft (aber nicht immer) auf eine Kopfseite beschränkt. Er ist normalerweise von Übelkeit und Erbrechen begleitet und verstärkt sich bei Bewegungen und Lärm. Bei der vergleichsweise seltenen klassischen Migräne beginnen die Anfälle mit Sehstörungen (auch teilweiser Blindheit und Lichtblitzen im Gesichtsfeld), manchmal auch mit Schwindel, Schwäche auf einer Seite, Klingeln in den Ohren, Durst, Schläfrigkeit oder mit dem Gefühl nahenden Unheils. Auf diese neurologischen Symptome folgt ein schwerer einseitiger Kopfschmerz mit Lichtempfindlichkeit und oft auch Übelkeit und Erbrechen. Diese klassische Migräne kann durch Prickeln, Taubheit, Schwäche oder Lähmungserscheinungen in verschiedenen Körperteilen erschwert werden. Der sogenannte Cluster-Kopf-schmerz ist wahrscheinlich mit der Migräne verwandt und tritt häufiger bei Männern als bei Frauen auf. Hier ist der Schmerz um ein Auge konzentriert; er ist eher konstant als pochend und weckt den daran Leidenden oft aus dem Schlaf. Er kehrt meist Wochen- oder monatelang jede Nacht wieder und verschwindet dann für Monate oder sogar Jahre.
Der Migräne liegt vermutlich die Erweiterung von Blutgefässen im Gehirn zugrunde. Ihr Beginn kann eine neurologische Erkrankung oder ein allgemeineres Versagen der Stoffwechselregulierung sein. Es ist erwiesen, dass der Spiegel des Neurotransmitters Serotonin während eines Anfalls sinkt.
Medikamente können einen Migräneanfall verkürzen oder erneuten Anfällen langfristig vorbeugen. Derivate des Mutterkorns, eines auf Roggen wachsenden Pilzes, stoppen einen Anfall im Frühstadium sehr wirksam; Mutterkornderivate hemmen die Wirkungen von Serotonin. Wenn der Kopfschmerz bereits voll entwickelt ist, kann er mit Opiaten (meist Codein oder Pethidin) gelindert werden.
Zu den Medikamenten, die bei chronischer Migräne vorbeugend verschrieben werden, gehören Methysergid (eine Verwandte der Mutterkorndervate), Betablocker, Kalziumkanalblocker, Chlorpromazin, (USA: Thorazin ®, in Deutschland nicht mehr erhältlich) und das Steroid Prednison. Zehn bis zwanzig Prozent der von Migräne Betroffenen erfahren von diesen Drogen allerdings keine Linderung, und bei vielen anderen ist sie unvollständig oder von starken Nebenwirkungen begleitet.

Wie wir bereits festgestellt haben, war Hanf im neunzehnten Jahrhundert als Arznei gegen Migräne sehr angesehen, aber in der medizinischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts bleibt das Thema praktisch unberücksichtigt. Carol Miller, eine klassische Migränepatientin, beschreibt ihre Erfahrungen.

Zum ersten mal erlebte ich Migräne in der Schule, als ich vierzehn war. Die blitzenden, flackernden optischen Effekte, die zuerst faszienierend waren, nahmen mich so in Anspruch, dass ich die Tafel nicht mehr sehen konnte. Ich bat um Entschuldigung, ging in den Erste-Hilfe-Raum und erbrach mehrere Stunden lang, bevor meine Mutter mich holen kam.
Nachdem das mehrmals passiert war, nahm meine Mutter mich mit zu einem Arzt, einem Nachbarn und engen Freund der Familie, bei dem ich sehr oft war, weil ich unter zahlreichen Allergien litt. Er und meine Mutter waren sich einig, dass die Kopfschmerzen mit dem kürzlichen Tod meiner kleinen Schwester im Säuglingsalter zusammenhingen, und sie gaben mir nichts gegen die Übelkeit und den Schmerz. Ich litt zwar weiterhin mir einiger Regelmässigkeit unter Kopfschmerzen, aber erst im College wurde eine Migräne diagnostiziert, und ich erhielt Medikamente. Der Collegearzt verschrieb Ecotrin® , das zwar den Kopfschmerz etwas linderte, aber nicht gegen die visuellen Effekte und die Übelkeit wirkte. Ausserdem kriegte ich schreckliches Sodbrennen davon.
Einmal war der Schmerz so stark, dass sie mir Demerol® injizierten (ein synthetisches Opiat), das meinen Schmerz wunderbar beseitigte, mich aber ganz benommen machte. Manchmal nahm ich einen Sirup mit Banaengeschmack (wahrscheinlich Codein), von dem ich sehr schläfrig wurde. Ich weiss noch, wie schwer es mir fiel, die letzten Prüfungen durchzustehen, weil ich so benommen war, und auch mein Asthma wurde in dieser Zeit sehr schlimm.
Nach meinem Abschluss arbeitete ich an der Universität Indiana, und ein niedergelassener Arzt verschrieb mir Mudran ® (ein Kombinationsmedikament mit Ephedrin und Phenobarbital), er warnte mich jedoch, es würde süchtig machen. Ich setzte es bald wieder ab, da dieses Medikament meinen Blutdruck derart senkte, dass ich kam arbeiten konnte. Dann zog ich nach San Francisco und erhielt Darvon ® (Propoxyphen, ein anderes Opiat), aber ich nahm es nur kurz, weil ich davon einen Hautausschlag bekam.
Ich hatte auch Aspirin ® mit Codein genommen und bekam davon schreckliche Verstopfung. Als ich zum ersten mal schwanger war, machte ich mir wegen der Medikamente grosse Sorgen. Eine Freundin sagte mir, es gäbe keine ungefährlichen Medikamente und schlug vor, ich solle mich auf Kräuter umstellen. Weil ich mich damals ohnehin mit Kräuterheilkunde befasste und mich auf eine natürliche Geburt vorbereitete, schien mir das ganz richtig zu sein. Ich probierte es mit Helmkraut-Tee, einem leichten Baldrian und Kamillentee und mit Lavendel. Diese Tees beruhigten mich, und die grössere Ruhe, die ich nun hatte, weil ich nicht mehr berufstätig war, half ebenfalls; die Migräneanfälle wurden selten.

Einige Jahre später jedoch kehrten sie zurück, und mein Mann erzählte mir, er hätte gelesen, dass Hanf bei Kopfschmerzen gut helfen würde. Ich war überrascht. Nach zwei Joints und einer kurzen Ruhepause waren Übelkeit und Kopfschmerzen wie weggeblasen. Sobald mich ein Augenflackern vor einem herannahenden Anfall warnte, nahm ich etwas Hanf, machte ein kurzes Nickerchen, und die Migräne entwickelte sich gar nicht erst.
Normalerweise konnte ich nach einer halben Stunde wieder an meine Arbeit gehen. Es gab mir ein ungeheures Machtgefühl, endlich solche Kontrolle über meine Migräneanfälle zu besitzen. In den achtzehn Jahren, in denen ich mit Hanf meine Migränefälle gelindert habe, ist es mir ein paarmal passiert, dass ich ohne mein Heilkraut unterwegs war. Einmal probierte ich dann Tylenol ® und stellte fest, dass es zwar den Schmerz ein wenig linderte, aber keinerlei Wirkung gegen die Übelkeit und die visuellen Effekte hatte. Meine beiden älteren Töchter (heute siebzehn und einundzwanzig) leiden ebenfalls gelegentlich unter Migräne; sie trat bei beiden zum ersten mal auf, als sie zu menstruieren begannen. Beiden hilft Hanf sehr. Auch meine Mutter hat oft starke Kopfschmerzen, aber sie hat Hanf nie ausprobiert, weil es illegal ist. Sie leidet schrecklich unter den Medikamenten, die ihr verschrieben werden - Übelkeit, Verstopfung, Bluthochdruck. Ich sagte ihr oft, dass ihre Wut vermutlich ziemlich gross sein dürfte, wenn Hanf endlich legalisiert wird und sie nach dem ersten Ausprobieren einsehen muss, wie unnötig sie all die Jahre gelitten hat.

Die Linderung von Migränefällen könnte einfach ein weiterer analgetischer Effekt von Hanf sein, aber eine Studie lässt vermuten, dass an der Sache noch mehr ist. Man hat festgestellt, dass THC bei MigränepatientInnen während eines Anfalls (aber nicht zu anderen Zeiten) die Serotoninfreisetzung aus dem Blut hemmt.
Dieses Ergebnis muss noch abgesichert werden, und seine weitere Bedeutung ist noch unklar, aber es könnte ein nützlicher Hinweis für die weitere Forschung sein.

Auszug aus dem Buch
Marihuana, die verbotene Medizin
Von Dr.med. Lester Grinspoon
Und James B. Bakalar
2000
ISBN 3-86150-273-9