2003/08/12 - BZ-Beilagen

Immer mehr Jugendliche sitzen bekifft im Unterricht. Auch an den Berufsschulen. Jetzt prüft die gewerblich industrielle Berufsschule Bern Massnahmen, um dem Nebel in den Köpfen entgegenzuwirken.

Kiffen ist in. Rund 700000 Schweizerinnen und Schweizer paffen gelegentlich einen Joint. Populär sind Haschisch und Marihuana insbesondere bei Jugendlichen. Laut einer Repräsentativbefragung der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme haben 44 Prozent der 15- bis 19-Jährigen bereits einmal gekifft, 6,5 Prozent konsumieren täglich Cannabis, weitere 5 Prozent mindestens einmal pro Woche. Im Klartext: Während der Lehre, dem Gymer oder einer anderen Ausbildung benebelt sich gut jeder zehnte Jugendliche mehr oder weniger regelmässig mit Cannabis. Monika Baumgartner, Berufsschullehrerin an der gewerblich-industriellen Berufsschule Bern (Gibb) und Leiterin der schulinternen Beratungsstelle, untermauert diese Zahlen mit ihren Erfahrungen aus dem Unterricht: "Rund ein Drittel der Berufsschülerinnen und -schüler bekennt sich dazu, gelegentlich Cannabis zu konsumieren".

Spass am Flash im Kopf
Der Cannabiskonsum unter Jugendlichen hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Weshalb berauschen sich immer mehr Teenager mit dem grünen Kraut? Wer auf dem Campus der Gibb Kifferinnen und Kiffer anspricht, bekommt Antworten wie "Das beruhigt mich", "Das lenkt vom Unterricht ab" oder "Das Flash im Kopf macht Spass". Zuputzen und abschalten also? "Ja", bestätigt Monika Baumgartner. "Viele Jugendliche bekunden Mühe mit den Erwartungen und Grenzen der Erwachsenenwelt. Sie fühlen sich am Arbeitsplatz und in der Schule überfordert, haben familiäre Probleme oder sind den gesellschaftlichen Entwicklungen nicht gewachsen. Die Flucht in den Rausch ist eine mögliche Reaktion darauf". Auch Gruppendynamik spiele eine Rolle. "Es braucht Mut, Nein zu sagen. Man will schliesslich dazugehören".

Ausbildung in Gefahr
Die Diskussion rund um die Legalisierung des Cannabiskonsums hat in breiten Kreisen zu einer tolerierenden Haltung geführt. Wer kifft, begeht heute keinen Tabubruch mehr. Auch die möglichen Auswirkungen des Cannabiskonsums werden oft verharmlost. Monika Baumgartner sieht das differenzierter: "Wer täglich mehrere Joints raucht, hat ein Suchtproblem". Und: "Kiffen und lernen gehen nicht zusammen. Wer zu viel kifft, kann sich nicht mehr auf den Unterricht konzentrieren und gefährdet seine Ausbildung".

Verunsicherte Lehrer
In ihren Beratungen versucht Monika Baumgartner, mit den Hilfe Suchenden die Gründe für den übermässigen Cannabiskonsum zu analysieren und Handlungsalternativen zu entwickeln. "Die Jugendlichen müssen lernen, Probleme aktiv anzugehen anstatt wegzublasen". In schwierigen Fällen zieht Monika Baumgartner Fachleute vom Contact bei oder informiert in Absprache mit den Jugendlichen die Eltern oder den Lehrbetrieb, um eine Lösung zu suchen. Dass Cannabis an den Schulen ein Problem ist, streitet heute kaum jemand mehr ab. Doch viele Lehrkräfte sind unsicher, wie sie damit umgehen sollen. Hinschauen oder wegschauen lautet die zentrale Frage? Wie weit geht der pädagogische Auftrag, wo beginnt der Eingriff in die Privatsphäre? Die gewerblich-industrielle Berufsschule Bern will ihre Lehrerinnen und Lehrer mit diesen Fragen nicht alleine lassen. Gibb-Direktor Herbert Binggeli arbeitet deshalb mit Fachleuten an einem Konzept, das eine gemeinsame Haltung definiert und Handlungsmöglichkeiten aufzeigt.

Das Konzept steht unter dem Motto "Hinschauen, Einfluss nehmen, Grenzen setzen". "Wir dürfen uns nicht auf den Standpunkt zurückziehen: "Das geht mich nichts an, das ist Privatsache", sagt Herbert Binggeli. Lehrerinnen und Lehrer seien auch Erzieher, selbst wenn diese Definition ausser Mode geraten sei. Als oberstes Ziel postuliert das Konzept den drogenfreien Unterricht. "Wir wollen an der Berufsschule keine Drogen - weder legale noch illegale", so Binggeli.

Prävention? Repression?
Ausgehend von dieser gemeinsamen Haltung wer den Handlungsmöglichkeiten skizziert. Im Zentrum stehen präventive Massnahmen. "Wir wollen kiffende Jugendliche direkt ansprechen, auf dem Pausenplatz oder unter vier Augen, um mit ihnen die möglichen Folgen des Cannabiskonsums zu diskutieren und ihnen unmissverständlich klar zu machen, dass Drogenkonsum im Rahmen des Unterrichts nicht toleriert wird". Weiter soll die Aufklärungsarbeit im Unterricht verstärkt werden. Diskutiert werden auch repressive Massnahmen wie die Information des Lehrbetriebs, der Eltern oder der Polizei. Zurzeit liegt das Konzept den Lehrern der Gibb zur Beurteilung vor. "Es ist entscheidend, das die Vorgaben möglichst von allen Lehrkräften mitgetragen werden", sagt Binggeli. Der Gibb-Direktor ist überzeugt, dass das Konzept den Lehrkräften Rückhalt für ihre Interventionen gibt: "Wir haben klar definiert, wo und in welcher Form wir ein Einschreiten erwarten". Dass insbesondere das direkte Gespräch zum Erfolg führen kann, bestätigt Monika Baumgartner: "Die meisten verstehen sehr wohl, dass sich Cannabiskonsum und die erfolgreiche Teilnahme am Unterricht ausschliessen. Und viele ziehen aus dieser Einsicht die Konsequenzen".

Die Studie der Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme ist abrufbar unter www.sfa-ispa.ch.