apropos
Gestern war es einer Randnotiz dieser Zeitung zu entnehmen. Im Privatgarten eines schweizerischen Parteipräsidenten seien Cannabispflanzen gesichtet worden. Pikant an der Angelegenheit ist besonders der Umstand, dass es sich beim fraglichen Volksvertreter um einen strammen Gegner jeglicher Liberalisierungsbemühungen im Haschsektor handelt. Bevor wir jetzt aber hämisch mit ausgestrecktem Finger auf den geouteten Parteichef zeigen, wollen wir das Problem mit jener Besonnenheit analysieren, die wir in Debatten zur Drogenpolitik zuweilen vermissen.
Das Führen einer politischen Partei stellt höchste Anforderungen an die Leaderperson. Die Anforderungen sind umso höher, je offensichtlicher der Widerspruch wird, zwischen den rückwärtsgewandten Werten, auf die sich die fragliche Partei beruft und den progressiven Strategien, mit denen sie diese Werte bewirbt. Im Fachjargon liesse sich dieses Phänomen als Populistenspagat oder angewandte Spaltrhetorik bezeichnen.
Wer diese Politik - das Gaspedal drücken beim Auftritt, auf die Bremse treten beim Inhalt - über längere Zeit mitverantwortet, ist irgendwann nervlich am Limit. Dagegen ist kein Kraut gewachsen, ausser vielleicht das Hanfkraut, von dem gesagt wird, es wirke entspannend. Nun ist es durchaus denkbar, dass der Hanfbesitzer, um den es hier geht, genau diesen Entspannungseffekt gesucht hat. Darauf lässt auch die Aussage schliessen, die er gestern Teilen der Presse gegenüber gemacht hat: "Die Pflanzen habe ich inzwischen ausgerissen und verbrannt". Natürlich Herr Parteipräsident, vom Anschauen allein, wirkt das Hanfkraut nicht. Das muss man schon in Brand stecken, damit es in die Synapsen fährt. Unser Verständnis haben Sie.

Berner Zeitung 22.09.04