2004/08/21 - Der Bund

"Pharmakologisierung des Alltags und die Illusion einer drogenfreien Gesellschaft".

Als der Nationalrat Mitte Juni die Revision des Betäubungsmittelgesetzes behandelte, verfolgte Günter Amendt in der Wandelhalle die Debatte mit grosser Aufmerksamkeit. Der Hamburger Sozialwissenschaftler ("Das Sex-Buch") war nach Bern gereist, um vor Ort zu sehen, wie sich die Schweiz zu einer Strafbefreiung des Cannabis-Konsums durchringt. Es sollte nicht sein. Amendt zeigte sich masslos enttäuscht. Gegenüber dem "Bund" erklärte er: "Das ist ein Rückschlag für ganz Europa, weil die Schweiz in der Drogenpolitik eine unbestrittene Avantgardeposition eingenommen hatte".

Amendt befasst sich seit 30 Jahren mit der Drogengesellschaft. Nach den beiden Büchern "Sucht. Profit. Sucht" (1972) und "Die Droge, der Staat, der Tod. Auf dem Weg in die Drogengesellschaft" (1992) trägt Amendts jüngstes Buch "No Drugs. No Future", von dem nun eine erweiterte Ausgabe erschienen ist, nicht von ungefähr einen englischen Titel. Heute ist die Drogengesellschaft Realität geworden - und die globale Politik, die damit gemacht wird, ebenso: "No Drugs. No Future" ist eine schonungslose Abrechnung mit dem "War on Drugs" und der "Pharmakologisierung des Alltags". Für Amendt ist die "von den USA diktierte internationale Drogenpolitik eine der gravierendsten Fehlentwicklungen der Globalisierung", weil sie auf der "Illusion einer drogenfreien Gesellschaft" basiere. Die drogenpolitische Gegenwart stehe "immer noch ganz im Bann des Prohibitionsdogmas".
Amendts Ausgangsthese ist ganz anders: "Längst sind Drogen für alle Lebenslagen zum selbstverständlichen Bestandteil des Alltags geworden". Jede neue Drogenwelle bestätige nur, dass man eigentlich besser von einer "Dauerwelle" spreche, schreibt der Alt-68er. Seine Auflistung beginnt mit der Einführung von Valium vor 40 Jahren: Das Medikament, das die Pharmaindustrie mit grossem Aufwand beworben habe, mutiert umgehend zur "Modedroge". Es folgen die Protestdrogen Haschisch und LSD. Doch die Industrie bleibt am Ball: Methadon (für Heroin) und jüngst Marinol (für Cannabis) sind nach Amendt Versuche der Pharmaindustrie, im Geschäft mit der Drogengesellschaft zu bleiben.
Amendt schliesst die Aufzählung mit Ecstasy und Prozac, einem Antidepressivum, das in den USA, aber auch in Europa (unter der Bezeichnung Fluctin) in rauen Mengen eingenommen wird. Allein in den USA konsumierten 28 Millionen Bürger Prozac und ähnliche Mittel, schätzt Amendt. Dabei seien die Langzeitwirkungen des Medikaments überhaupt noch nicht absehbar - wie bei Ecstasy. Die Beschreibung der dünnen und letztendlich willkürlichen Grenze zwischen legalen und illegalen Drogen gehört zu den bemerkenswertesten Leistungen von Amendts neuem Buch. "Die Politiker verhalten sich noch immer so, als sei Drogenkonsum ein Problem von Randständigen", kritisiert er.
Zurück in die Schweiz: Amendts Enttäuschung über den Abbruch der Legalisierungsübung für Cannabis ist gross, weil die eidgenössische Drogenpolitik für ihn ein Hoffnungsschimmer geworden war. Der deutsche Sozialwissenschaftler fordert in "No Drugs. No Future" gar eine "EU-weite Angleichung an das Schweizer Modell". Darauf muss er jetzt noch ein bisschen länger warten.

Christian Pauli

[i] Das Buch Günter Amendt. "No Drugs. No Future. Drogen im Zeitalter der Globalisierung". Aktualisierte Auflage Juni 2004. Verlag Zweitausendeins.