Nüchtere Betrachtungen zur Hanf-Initiative, von Geri Müller (grüne/AG)

1908 stand in Meyer’s Lexikon und damit in allen guten Stuben folgendes: „Haschisch im Mass und in guter (!) Qualität genossen, schadet kaum. Übermässiger, anhaltender Genuss von schlechtem Haschisch, namentlich bei dürftiger Ernährung, wirkt zerrüttend. Man glaubt, dass besonnener Haschischkonsum zu harter, anhaltender Arbeit befähige und Schmerz unterschiedlichen Ursprungs tilge. Man schreibt ihm die Erzeugung eines heiteren, angenehmen Rausches zu.“

Conrad Ferdinand Meyer (nicht verwandt mit vorherigem Meyer) lässt seine Figuren ebenso kiffen wie der deutsche E.T.A. Hoffmann. Die britische Kolonialverwaltung in Indien verzichtete ausdrücklich, den Cannabis-Konsum zu verbieten. Sie wehrte Angriffe auf diesen Liberalismus ab mit dem Verdacht, dass die Prohibitionsbefürworter als Ersatz Schnaps verkaufen wollten.

Zwischen 1911 und 1931 spielte der Hanf auf den ersten internationalen Opiumkonferenzen des Völkerbundes keine Rolle. Cannabis war bis zu dem Zeitpunkt das, was es heute noch ist: Eine weltweit verbreitete Wildpflanze in sorten-, anwendungs- und wirkungsreicher Vielfalt, welche Kennern zu Genuss verhalf. Ausserdem wurde es von zahlreichen Bauern angebaut, da die Produktion von Hanfprodukten äusserst lukrativ und nützlich war. Stoff für Kleider, Verpackungen, Isolation und Medikamente galten als hochqualitativ.

Dann kam die USA. Anfangs dreissiger Jahre gründete Harry Anslinger das „Federal Bureau of Narcotics FBN“, das von den Industriellen DuPont, Hearst und zahlreichen Ölmagnaten gesponsert wurde. Hanf war eine starke und unliebsame Konkurrenz zu ihren Produkten geworden! Anstatt das Wort Hanf wurde die Pflanze fortan bewusst und manipulativ nach dem exotischen und panikeinflössenden, mexikanischen Gassenslangausdruck „Marijuana“ benannt, dies sollte die Angst vor dieser „bösen Pflanze“ schüren und festigen.

Das Verbot war geboren! Ausserdem hatte man einen weiteren Repressionsgrund gegen die farbigen in Amerika lebenden „Subjekten“, als Menschen galten diese ja noch nicht. Wichtiges Detail: Sowohl DuPont wie Hearst bewunderten Adolf Hitler und seine Rassentheorie offen. 1937 wurde das „Marihuana Tax Act“ geschaffen und brachte die landwirtschaftliche Hanf-Produktion in den USA zum Erliegen.

„Wie viele andere vermeintlich guten Ideen aus den USA“, war auch dies eine bis heute sehr schlechte Idee und fördert nur äusserst fragwürdige illegale Exponenten, die über die Verbote noch so dankbar sind und dank der Verbote steuerfrei Milliarden umsetzen. Heute sorgt die Nachfolgeorganisation des FBN, die „Drug Enforcement Agency DEA“ für die Durchsetzung des weltweiten Verbots dieses „Mörderkrauts“.

Der Ausflug in die Geschichte ist wichtig für die Volksabstimmung vom 30. November 2008. Sie zeigt auf, um was es geht. Die Gegner der Hanfentkriminalisierung zerren mit fragwürdigen Studien Argumente in die Öffentlichkeit, welche bei Lichte besehen nur auf einer ideologischen, fundamentalistischen Logik aufbauen. Als Beispiel sei die Studie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich erwähnt. Sie stellt fest, dass immer mehr Patienten mit der Diagnose Schizophrenie Cannabis konsumiert hätten. Diese Tatsache mag sogar stimmen. Als diplomierter Psychiatriepfleger weiss ich denn auch, dass die Symptome von Schizophrenie schrecklich und für den Betroffenen unbegreiflich sind. Der Patient versucht alles, um sein Leiden zu lindern. Mit der Zeit ist ihm auch jedes Mittel recht: Starke Psychopharmaka, Alkohol, andere schädliche Ablenkungsmanöver.

Was die Studie nicht sagt: Der Anteil der Schizophreniekranken ist weltweit und seit Jahren sehr stabil bei 1,5% der Bevölkerung (mit oder ohne Hanf!). Die CannabiskonsumentInnen (als nicht eliminierbares, gesellschaftliches Phänomen) haben aber in den letzten vier Jahrzehnten stark zugenommen und sind heute - je nach Infoquelle - bei ungefähr einer halben Mio. KonsumentInnen stabil.

Was will die Initiative? Sie will in erster Linie die Jugend schützen, indem der Markt (der mit oder ohne Verbot/Repression nicht, bez.weise niemals wegzubringen sein wird!) den kontrollierten Anbau, Handel, Besitz und Konsum für Eigenbedarf straffrei machen.

Die Menschen müssen den Umgang mit psychoaktiven Substanzen lernen und nicht so tun, als wären alle Drogen für immer und ewig aus der Welt zu schaffen.

Ein JA zur Hanfinitiative beendet die über 30 Jahre alte Leerlauf-Odysee und setzt dringend nötige Massnahmen gegen den Schwarzmarkt um. Jugendliche sollen Cannabis nicht konsumieren. Wer Jugendliche bedient, wird ergo drakonisch bestraft.

Ausserdem verzichtet die Hanfinitiative ausdrücklich auf Werbung, was die verantwortlichen Exponenten von Tabak und Alkohol noch immer nicht geschafft haben.

Ein klares Ja zur Hanfinitiative bedeutet für die gesamte Bevölkerung eine spürbare Entlastung!

Geri Müller, Co-Präsident des Initiativkomitees, Nationalrat, Baden