Monitoring der Cannabisproblematik in der Schweiz
SYNTHESE UND SCHLUSSFOLGERUNGEN
Das Monitoring der Cannabis-Problematik in der Schweiz besteht aus einer Reihe von Arbeiten, mit denen sich die gesamtschweizerische Lage verfolgen lässt. Dieses Monitoring wird von einem Konsortium von Forschungsinstituten durchgeführt. Dazu gehört auch die in diesem Bericht präsentierte Studie, die Sentinella-Studie. Diese interessiert sich für die Entwicklung der Situation im Bereich Cannabis sowie für den Umgang mit dieser Situation auf lokaler Ebene. Dabei sollen folgende Fragen beantwortet werden:
Wie präsentiert sich die Lage hinsichtlich des Konsums und Handels von Cannabis
und wie entwickelt sie sich?
Mit welchen Problemen ist man vor Ort hauptsächlich konfrontiert?
Welche Massnahmen und Interventionen wurden in diesem Bereich erarbeitet?
Zur Beantwortung dieser Fragen entschied man sich, die Situation in vier sogenannten Sentinella- Kantonen (St Gallen, Tessin, Waadt, Zürich) zu verfolgen. Als Auswahlkriterien dieser Kantone dienten Grösse, Verhältnis Stadt/Land, Vorhandensein von Grenzen mit Nachbarstaaten sowie Sprache und Art der praktizierten Drogenpolitik. In jedem Kanton wurden Expertenpanels (Workshops) gebildet, die sich aus Fachleuten dreier verschiedener Bereiche (Gesundheits- und Sozialbereich, Bildung, Polizei und Justiz) des jeweiligen Kantons zusammensetzten. Deren Beobachtungen sowie die verfügbaren kantonalen Daten wurden gesammelt und jährlich an einem Workshop diskutiert sowie über mehrere Jahre hinweg analysiert. Der vorliegende Bericht präsentiert die Ergebnisse der beiden ersten Untersuchungsjahre (2005, 2006).
EPIDEMIOLOGISCHE BESTANDESAUFNAHME DES CANNABISKONSUMS IN DER SCHWEIZ
Die Konsumprävalenzen in der Schweiz sind relativ hoch, vor allem im europäischen Vergleich. So haben 28% der Allgemeinbevölkerung im Alter zwischen 15 bis 39 Jahren bereits Erfahrung mit Cannabiskonsum (SGB, 2002), während die entsprechenden Werte in den EU-Mitgliedstaaten zwischen 3 und 31% liegen (EEBD, 2005). Laut einer bei Schülerinnen und Schülern kurz vor dem Ende der obligatorischen Schulzeit durchgeführten Studie führen die Schweizer Jugendlichen auch die Rangliste beim Cannabiskonsum an, sowohl bei der Erfahrung im Laufe des Lebens wie auch beim Konsum in den letzten 30 Tagen vor der Umfrage (ESPAD, 2003).
Die Konsumprävalenz bei den 15-Jährigen - die Messgrösse für den frühen Einstieg in den Cannabiskonsum - erreichte im Jahr 2002 ihren Höhepunkt und fiel dann im Jahr 2006 sowohl bei den Knaben (34.2% für die Lebenszeitprävalenz) wie auch bei den Mädchen (26.8%) im Alter von 15 Jahren erheblich ab (SFA, 2006). Ausserdem zeigen die Daten der SMASH-Studie, dass die Mehrheit der Jugendlichen vor dem Alter von 16 Jahren Erfahrungen mit Cannabis macht (SMASH, 2002).
Die Mehrheit der Jugendlichen, die mindestens einmal in ihrem Leben Cannabis konsumiert haben, hat dies wiederholt getan. Bei zwei Dritteln der Mädchen im Alter von 16 bis 20 Jahren und der Hälfte der Knaben im gleichen Alter blieb der Konsum eine gelegentliche Erfahrung, da sie weniger als 10 Mal Cannabis konsumierten. Bei den andern hingegen geht der Konsum bereits über den Wochenendkonsum hinaus. 12,7% der Knaben und 3,8% der Mädchen konsumieren zudem täglich bzw. mehrmals täglich Cannabis.
WORKSHOP POLIZEI UND JUSTIZ: SITUATION 2006
Bezüglich der Situation auf dem Cannabismarkt wird aus den zusammengetragenen Beobachtungen
ersichtlich, dass alle vier Sentinella-Kantone die gleiche Bilanz ziehen:
Der Markt wird hauptsächlich über die einheimische Produktion versorgt, es wird wenig
oder gar nichts importiert. Daneben gibt es auch noch Grenzgänger, die sich hierzulande
mit Cannabis versorgen; dieser Handel erreicht jedoch nur ein geringes Ausmass.
Grössere Polizeieinsätze brachten die grossen Produktionsstätten, Outdoor und Indoor, zum
Verschwinden. Der Trend geht hin zum lokalen Kleinanbau und zum Privatverkauf.
Die « offiziell» Cannabisprodukte verkaufenden Läden sind verschwunden: Der Verkauf
erfolgt unter dem Deckmantel anderer Aktivitäten (Verkauf von Kleidung, CDs usw.).
Der Markt der harten Drogen und der Cannabismarkt sind weiterhin getrennt.
Der Preis ist stabil und einheitlich: ca. 10 CHF/g.
Der durchschnittliche THC-Gehalt beträgt laut einer Studie, die im Jahr 2005 vom Institut
für Kriminologie und Strafrecht in Lausanne (ICDP) durchgeführt wurde, ungefähr 15%1.
Zürich weist zudem einige Besonderheiten auf: Die Läden, die Hanf zum Rauchen verkaufen, werden manchmal von mafiaartigen Organisationen betrieben. Die Verkaufsmethoden sind hier vielfältiger (Mobiltelefon, Internet usw.). Die Strafverfolgung wurde intensiviert; so werden regelmässig Razzien in den Läden durchgeführt, die im Verdacht stehen, Hanf zum Rauchen zu verkaufen.
In mehreren Kantonen verursachen die Lagerung der Beweismittel und die Langwierigkeit der Verfahren Schwierigkeiten, die den Kampf gegen den Anbau und den Handel von Cannabis erschweren. Man hat kantonale Lösungen entwickelt, wie die Zusammenarbeit mit den Stromversorgern, um einen erhöhten Energieverbrauch aufzuspüren (die Indoor-Cannabisproduktion verschlingt sehr viel Strom und Wasser) sowie die Zusammenarbeit mit der Gewerbepolizei für die Durchführung von gesundheitspolizeilichen und administrativen Kontrollen der Läden. Diese wirken bisweilen abschreckender als lange Strafuntersuchungen mit ungewissem Ausgang. Zudem versucht man, die Vermieter der Lokale, in denen die Hanfläden eingemietet sind, zur Verantwortung zu ziehen.
Bei der Strafverfolgung von Konsumierenden zeigt sich St. Gallen innovativ: Es wurde ein Polizeireglement verabschiedet, das es erlaubt, den Konsumierenden eine Busse zu verhängen statt sie anzuzeigen. Diese Massnahme betrifft Jugendliche ab 15 Jahren und wird zumindest bei der ersten Kontrolle (Besitz von 5 Gramm oder weniger, keine Beschaffungskriminalität) angewendet. Ab der zweiten Kontrolle kann es zu einer Anzeige kommen.
Bei der gesetzlichen Regelung hat sich in den Sentinella-Kantonen einiges getan: Der Kanton Tessin hat 2004 ein Gesetz über den Hanfanbau erlassen, welches die Bedingungen für den industriellen Hanfanbau festlegt. So wurde insbesondere die Bestimmung eingeführt, dass jede Pflanze mit einem höheren THC-Gehalt als 0.3% als illegales Produkt betrachtet wird. Im Kanton Waadt wird über ein ähnliches Gesetz diskutiert; in Zürich und St. Gallen sind diesbezüglich hingegen keine derartige Gesetzesänderungen in Vorbereitung.
Die in den Strafprozessordnungen (StPO) vorhandenen Lücken werden nach und nach geschlossen. So ermöglicht im Tessin ein neuer StOP-Artikel aus dem Jahr 2003 die Vernichtung eines Teils der beschlagnahmten Produkte vor dem Urteil. So wird das Problem der Lagerung der beschlagnahmten Produkte bis zum Urteil gelöst. In St. Gallen und Zürich werden solche Änderungen der StOP diskutiert.
WORKSHOP GESUNDHEIT UND SOZIALES: SITUATION 2006
Hinsichtlich des Konsums von Cannabis gelangen die Sentinella-Kantone zu den folgenden
gemeinsamen Feststellungen:
Die Prävalenz des Cannabiskonsums ist hoch, scheint aber zu stagnieren bzw. leicht zu
sinken.
Der Einstieg in den Konsum erfolgt früh; das Einstiegsalter ist relativ stabil, es scheint aber
dennoch zu sinken.
Es wird auf einen grossen Anteil der Fälle von Mischkonsum, vor allem Alkohol-Cannabis,
hingewiesen. Dabei scheint sich eine gewisse Tendenz vom Cannabis- hin zum Alkoholkonsum
abzuzeichnen.
Der Alkoholkonsum wird weiterhin als problematischer als der Cannabiskonsum angesehen.
Die verschiedenen Verbote im Zusammenhang mit dem Tabakkonsum (Züge, Bahnhöfe)
scheinen sich positiv auf die Reduktion des Cannabiskonsums auszuwirken.
Die Erhältlichkeit von Cannabis bleibt gleich, ausser im Kanton Tessin, wo diese erschwert wurde.
Es besteht ein Kontrast zwischen der lateinischen Schweiz, die auf der Bagatellisierung des Konsums bei den Jugendlichen beharrt, und der Deutschschweiz, wo die hohe soziale Akzeptanz des Konsums betont wird.
Bei den Problemen im Zusammenhang mit dem Konsum kommen die Sentinella-Kantone zu
den folgenden gemeinsamen Feststellungen:
Der problematische Cannabiskonsum geht weiterhin einher mit einem bereits schwierigen
Kontext; Cannabis spielt hier eher die Rolle eines Katalysators oder ist Ausdruck für andere
Probleme.
Es werden immer noch einige Fälle von Cannabissucht gemeldet.
In den Kantonen Zürich und Waadt gibt es vermehrt Anfragen für eine Beratung für den Ausstieg aus dem Cannabiskonsum.
Im Kanton Waadt stellt man fest, dass der problematische Konsum bewusster wahrgenommen wird, sowohl bei den Jugendlichen als auch bei den Expertinnen und Experten. Dies hat zur Folge, dass vermehrt Weiterbildungsangebote nachgefragt werden. In St. Gallen wird darauf verwiesen, dass Hausärztinnen und Hausärzten besser ausgebildet werden sollen, damit die Betreuung früher ansetzen kann.
Der Kanton Tessin meldet weniger Notfälle im Zusammenhang mit psychischen Dekompensationen infolge von Cannabis.
In St. Gallen und Zürich ist bei Gruppengewalt oft Cannabis im Spiel.
WORKSHOP BILDUNG UND ERZIEHUNG: SITUATION 2006
Beim Cannabiskonsum sind die gemeinsamen Feststellungen mit denen des Workshops Gesundheit und Soziales vergleichbar, die Expertinnen und Experten aus dem Bildungsbereich weisen jedoch darauf hin, dass der Konsum seit der Schliessung der Hanfläden weniger sichtbar ist (St Gallen, Zürich, Tessin).
In den Kantonen Tessin und Waadt verlagert sich offenbar der Konsum von der Schule weg an andere Orte wie beispielsweise in die Sportclubs; dadurch stellt sich das Problem der Prävention an diesen Orten.
Die Kantone St Gallen und Zürich melden einen Anstieg des Kokainkonsums.
Bei den Problemen im Zusammenhang mit dem Konsum kommen die Sentinella-Kantone zu
den folgenden gemeinsamen Feststellungen:
Der Cannabiskonsum stört den Schulbetrieb in der Regel nicht.
Bei den Anfragen für Interventionen in den Schulklassen oder den Anfragen seitens der
Eltern ist ein Rückgang zu verzeichnen.
Ausser einigen Fällen von Lehrabbrüchen gibt es in den Schulen wenige spezifische Probleme
im Zusammenhang mit dem Cannabiskonsum (mangelnde Motivation, Verspätungen
usw.).
Der Kanton St. Gallen stellt fest, dass die Fachleute in Schulkreisen deutlich kompetenter sind und die Situation dank der Anwendung von klaren Regeln besser unter Kontrolle ist. Er macht darauf aufmerksam, dass der Präventionsschwerpunkt auf eine bessere (objektivere und faktenbezogenere) Information der Eltern zu setzen sei.
Im Kanton Waadt wird beobachtet, dass die Erwachsenen im Umgang mit Cannabis zu wenig Kohärenz erkennen lassen.
ALLGEMEINE SCHLUSSFOLGERUNGEN
Generell ist die Cannabisproblematik überall ausser im Kanton Waadt in den Hintergrund getreten, die allgemeine Stimmung hat sich demnach nach dem Medienrummel und den Debatten, die 2004 rund um die Revision des Betäubungsmittelgesetzes stattgefunden haben, beruhigt. In fast allen Kantonen geben die Expertinnen und Experten an, dass sich ihre Kenntnisse und die zur Verfügung stehenden Mittel verbessert haben, was einen realistischeren und pragmatischeren Umgang mit dem Problem zur Folge hat. Ausser dem Kanton Waadt, der schon immer eine Nulltoleranz-Politik betrieben hat, wenden die Kantone das Betäubungsmittelgesetz strikter an, ohne dass jedoch die Zahl der Anzeigen wegen Konsums stark angestiegen wäre.
Bezüglich des Cannabismarktes ist ein Verschwinden der grossen Hanfplantagen sowie die Schliessung von Hanfläden zu vermerken; die polizeilichen Aktionen konzentrieren sich denn auch vorrangig auf diese zwei Achsen. Anbau und Handel finden im kleineren Rahmen statt. Diese neue Situation erleichtert jedoch nicht gerade die Erkennung von problematischen Fällen, da der Konsum weniger sichtbar ist. Diese verringerte Sichtbarkeit des Konsums steht auch im Zusammenhang mit dem Verbot des Tabakkonsums in den Zügen und Bahnhöfen.
Der Konsum stagniert bzw. geht zurück, obwohl er je nach Gebiet in unterschiedlichem Masse weiterbesteht. Die Anfragen von Personen, die mit dem Konsum aufhören wollen, nehmen zu. Die Anfragen für Interventionen in der Schule hingegen gehen tendenziell zurück und es treten offenbar auch weniger Probleme auf.
Heute bezeichnen die Kantone im Zusammenhang mit dem Konsum psychotroper Substanzen bei den Jugendlichen den exzessiven Alkoholkonsum (am Wochenende) als grösstes Gesundheitsproblem.
http://www.iumsp.ch/Publications/pdf/rds127b_fdi.pdf