Lungenschäden wegen Cannabis
Lungenschäden wegen Cannabis
Bern. Langjähriger Cannabis-Konsum kann gemäss einer Studie des Berner Inselspitals die Lunge schwer schädigen. «Die Dosis macht das Gift: Wer jahrelang regelmässig, insbesondere täglich, Cannabis konsumiert, muss mit schweren Lungenschädigungen und Atembehinderungen rechnen», erklärte der Leiter der Studie, Ralph Schmid, am Sonntag. Die Studie wird in diesen Tagen im «European Journal of Cardio-thoracic Surgery» (europäische Zeitschrift für Herz- und Thoraxchirurgie) veröffentlicht. (ap)
Der Bund; Bern; 12.11.2007
Studie aus Bern - schwere Lungenschäden durch Kiffen
Eine neue Berner Studie lässt aufhorchen: Es gibt Hinweise darauf, dass regelmässiges Kiffen schwerste irreversible Lungenschäden verursacht. Betroffene bemerken die gravierenden Folgen erst nach vielen Jahren.
Eine Berner Studie weist einen Zusammenhang zwischen Kiffen und schwer wiegenden Lungenschäden nach. Sie basiert auf Befragungen und Untersuchungen von 102 jüngeren Patienten, die auf Grund eines Lungenkollapses zwischen April 2002 und Oktober 2004 die Thorax-Chirurgie des Inselspitals aufgesucht haben.
Wie die «NZZ am Sonntag» berichtete, befanden sich darunter 17 Personen im Alter von 17 bis 43 Jahren, die durchschnittlich seit 8,8 Jahren täglich mehrere Joints geraucht hatten. Seit noch längerer Zeit konsumierten sie auch Zigaretten.
Grosse Blasen in der Lunge
Bei diesen 17 Kiffern fanden die Ärzte in den Lungen grössere Löcher in Form von Luftblasen. Diese hatten einen Durchmesser von maximal 10,2 Zentimetern. Besonders gravierend war die Diagnose bei den zwei ältesten Kiffern im Alter von 40 und 43 Jahren: Bei ihnen war die gesamte obere Hälfte der beiden Lungenflügel durch Luftblasen ausgefüllt. Keine grösseren Luftblasen fanden die Ärzte hingegen in den Lungen der übrigen Befragten, die nur Tabak konsumierten.
Studienleiter Ralph Alexander Schmid sagte gegenüber der «NZZ am Sonntag», die 17 erwähnten Patienten seien wohl erst die Spitze des Eisbergs. Denn nur die zwei ältesten Marihuanaraucher hatten Beschwerden. Die jüngeren verkraften ein reduziertes Lungenvolumen ohne grosse Konsequenzen. Laut Schmid ist es deshalb gut möglich, dass bei vielen jungen Gewohnheitskiffern die Beschwerden erst im Alter diagnostiziert werden. Problematisch kann dies werden, weil im Alter das Lungenvolumen ohnehin stetig abnimmt. Bei empfindlichen Rauchern soll dieses Volumen im Alter von 65 Jahren nur noch 50 Prozent der ursprünglich gesunden Lunge betragen.
Langjähriger Konsum
Untersucht wurden zudem 59 Patienten, von denen einige seit drei Jahren täglich Cannabis rauchten. Bei diesen beobachteten die Ärzte kleine Luftbläschen in der Lungenspitze, aber noch keine voluminösen Blasen. Daraus lässt sich folgern, dass die schwer wiegenden Schäden erst durch regelmässigen Konsum über längere Zeit entstehen.
Die Resultate dieser Berner Studie wurden im «European Journal of Cario-thoracic Surgery» veröffentlicht. Es sind weitere Untersuchungen nötig, um die bisherigen Ergebnisse zu erhärten.
Angriff gegen eigene Lunge
Noch unklar sind die Gründe für die Entstehung der Löcher. Im Lungengewebe von Marihuanarauchern konnten sie kleine Pflanzenpartikel nachweisen. Was mit diesen längerfristig geschieht, ist noch offen. Eine mögliche Erklärung wäre, dass diese Partikel eine Entzündung auslösen, was zu einer unkontrollierten Abwehrreaktion des Körpers führen könnte. Die Folge wäre, dass weisse Blutkörperchen das Lungengewebe angreifen. Diese «nagen dann an den Lungenbläschen und verdauen langsam die Lunge», erläuterte der Berner Pneumologe Matthias Gugger gegenüber der «NZZ am Sonntag».
Berner Zeitung; 12.11.2007
Kiffen kann Lungen schädigen
Bern. - Wer jahrelang regelmässig Cannabis konsumiere, müsse mit schweren Lungenschädigungen und Atembehinderungen rechnen. Dies hat eine Studie des Berner Inselspitals ergeben.
Unter den Patienten, die in den letzten Jahren an der Klinik wegen Lungenkollaps und Lungenemphysem operiert werden mussten, befanden sich etliche junge Menschen mit fortgeschrittener Zerstörung des Lungengewebes. Die Lunge bildet zuerst grosse Blasen, danach platzt eine dieser Blasen und die Lunge kollabiert. In dieser ausgeprägten Form kam das Lungenemphysem früher bei jungen Patienten nicht vor, wie es in der Mitteilung des Inselspitals heisst. Die untersuchten Cannabiskonsumenten hatten über Jahre im Schnitt täglich 6 Joints sowie auch Zigaretten geraucht.
(AP)Tages-Anzeiger; 12.11.2007
«Über Dramatisierungen nicht glücklich»
Cannabis-Experte Rudolf Brenneisen mahnt, die Berner Studie über Lungenschäden durch Kiffen differenziert zu betrachten. Lungenchirurgen am Inselspital warnen vor dem Kiffen. Pharmakologe Rudolf Brenneisen vom selben Spital befürchtet den politischen Missbrauch der Studie.
«Bund»:
Herr Brenneisen, Thoraxchirurgen am Inselspital zeigen in einer Studie, dass jahrelanges intensives Kiffen schwere Lungenschäden verursachen kann (siehe Kasten). Überrascht Sie das?
Rudolf Brenneisen: Nein. Wenn jemand neun Jahre lang sechs Joints pro Tag raucht, kann das für die Lunge nicht gesund sein. Um das zu erkennen, muss man nicht einmal eine Studie machen. Bei gewissen Aussagen bin ich aber etwas skeptischer als die Studienautoren.
Beispiel?
Die Autoren schätzen, ein Joint entspreche der Wirkung von einem Päckli Zigaretten. Angesichts der beschränkten Stichprobengrösse von 17 betroffenen Personen finde ich das heikel. Und wenn mans durchrechnet, kommt man zu exorbitanten Zahlen: Raucht einer 6 Joints pro Tag, wären das 6 Päckli Zigaretten, das heisst 120 Zigaretten pro Tag. Raucht jemand diese Menge, müsste er doch innert kürzester Zeit tot sein.
Welche Zahlen sind realistischer?
Andere Studien - mit grösserer Stichprobengrösse - vergleichen das Rauchen eines Joints mit dem Rauchen von sechs Zigaretten. Aber es ist schon Ein so: Joint ist schädlicher als eine Zigarette. Das hat damit zu tun, dass die Joints in der Regel filterlos sind. Und dass der Rauch eines Joints mehr toxische Stoffe enthält als jener einer Zigarette, ist seit Jahrzehnten bekannt.
Die Berner Chirurgen haben in den Lungen Cannabisfasern entdeckt.
Das ist ein interessanter Befund, der für mich neu war. Er ist sicher auch das Resultat verfeinerter Diagnosetechniken.
Starke Kiffer seien potenzielle Kandidaten für eine Lungentransplantation, heisst es in der Studie. Was sagen Sie dazu?
Diese Vermutung, abgeleitet aus einer Studie, die zurückschaut, finde ich etwas gewagt.
Wussten Sie - als ausgewiesener Cannabis-Experte - von dieser Studie am selben Spital, wo Sie tätig sind?
Nein. Ich habe am Wochenende das erste Mal davon gehört. Das ist auch nicht schlimm. Ich setze in meiner Cannabisforschung andere, primär pharmakologisch-therapeutische Ziele. Es stellen sich mir einzig ein paar inhaltliche Fragen zur Studie.
Welche?
Was war der Einfluss anderer Drogen, die mitkonsumiert wurden? Was war in den gerauchten Joints überhaupt genau drin?
Das ist doch klar: Cannabis.
Das ist eben nicht so klar. THC-Gehalt, Qualität und Reinheitsgrad schwanken beträchtlich. Dieses Problem ist aktueller denn je. Zunehmend werden Pestizide und Fungizide eingesetzt. Das alles landet auch in den Lungen.
Man kann auch lesen, dem Haschisch (Cannabisharz) werde Opium beigemischt.
Mit solchen Behauptungen wird in erster Linie Politik und Panik gemacht. Wir haben nie Opium nachweisen können. Wenn schon wird z. B. billiges Salatöl beigemischt.
Apropos Politik. Die Berner Studie wird wohl von vielen als Argument für eine harte Drogenpolitik gedeutet. Stört Sie das?
Es stört mich insofern, als dass es auch jenen Weg erschwert, der politisch momentan noch offen steht: eine Legalisierung des Hanfs zur medizinischen Verwendung. Die Entkriminalisierung des Freizeitkonsums ist trotz hängiger Initiative ja vermutlich sowieso über Jahre vom Tisch.
Sie wollen also den Joint als legales Medikament einführen?
Nein. Auch wenn beispielsweise Migräne- und Spastikpatienten eigenständig auf den Joint zurückgreifen: Er ist medizinisch-pharmazeutisch eine völlig inakzeptable Applikationsform. So etwas kann man bei Swissmedic nicht registrieren lassen. Bei den hohen Temperaturen der Verbrennung entstehen Stoffe, die für den Körper langfristig schädlich sind.
Was schwebt Ihnen denn vor?
Der Nutzen des Wirkstoffs THC beispielsweise zur Appetitsteigerung, Muskelkrampflinderung und Schmerzhemmung ist inzwischen ausreichend erwiesen. Nur braucht man noch eine ideale, sichere Applikationsform. Es gibt Inhalationsgeräte, die das THC-haltige Material nur auf etwa 200 Grad erwärmen und dadurch die Bildung toxischer Pyrolyse-Beiprodukte verhindern. Das Fernziel ist ein THC-Lungenspray. Daran arbeiten nicht nur wir, sondern auch einige Firmen.
Nun befürchten Sie, dass die einseitige Interpretation von Einzelstudien dieses Ziel verbaut?
Die Nationale Drogenkommission liest jede wissenschaftliche Cannabis-Studie genau und kann die jeweilige Relevanz beurteilen. Doch im Parlament wirken noch andere Kräfte. Und deshalb bin ich über Dramatisierungen, wie sie jetzt auch rund um die Berner Studie medial entstehen, nicht gerade glücklich.
Was sagen Sie zum Hanfkonsum der Jugendlichen?
Das ist sehr problematisch. Da sind sich die meisten Fachleute einig. Doch durch Repression löst man das Problem nicht. Das sagen sogar Untersuchungsrichter und Polizisten. Das Verbotene ist für die Jugendlichen per se ein Reiz. Es bräuchte unpolemische Aufklärung und griffige Prävention.
9 Jahre lang täglich 6 Joints
Das Inselspital hat am Wochenende auf eine Studie von Lungenchirurgen um den Chefarzt Ralph Schmid über Folgen intensiven Cannabiskonsums aufmerksam gemacht. Schmid wird mit den Worten zitiert: «Wer jahrelang regelmässig, insbesondere täglich, Cannabis konsumiert, muss mit schweren Lungenschäden und Atembehinderungen rechnen.»
Den Berner Thoraxchirurgen war aufgefallen, dass sich unter den Patienten, die in den letzten Jahren am Inselspital wegen Lungenkollaps operiert werden mussten, etliche junge Menschen mit fortgeschrittener Zerstörung des Lungengewebes, einem Lungenemphysem, befanden. Dabei bilden sich in der Lungen grosse Blasen.
17 junge Patienten mit einem solchen Lungenschaden - alles Cannabiskonsumenten - wurden genauer untersucht. Sie hatten im Schnitt während 8,8 Jahren täglich 6 Joints und während 11,8 Jahren täglich Zigaretten geraucht. Welche der inhalierten Substanzen im Rauch die Lunge so schwer schädigen, ist unklar. Die Forscher suchen die Ursachen aber beim Cannabis statt beim Tabak. Einerseits wiesen sie in den Lungen der Kiffer Cannabis-Fasern nach, die dort als Entzündungsherde wirken. Andererseits stiessen sie bei Patienten, die nicht kifften, aber Tabak rauchten, nicht auf solche Lungenemphyseme. (wat)
This Interview: Wachter Der Bund; 13.11.2007