Kifferszene im Umbruch

www.der bund.ch 12 03 2005
Nach Bern und Thun werden derzeit die Hanfläden in Biel geschlossen - mit unklaren Auswirkungen Justiz und Behörden tolerieren den Verkauf von Cannabis in den Hanfshops nicht mehr - und sind sich bewusst, dass sie damit keine Probleme lösen. Das berauschende Kraut findet den Weg zur Kundschaft trotzdem irgendwie.

Philippe Garbani war zu Beginn der 90er-Jahre an vorderster Front dabei, als in der Schweiz ein pragmatischer Weg eingeschlagen wurde, um das Heroinproblem unter Kontrolle zu bringen. Als Mitglied der Eidgenössischen Betäubungsmittelkommission war der damalige Leiter der Bieler Beratungsstelle Drop-In Mitinitiant der ersten Pilotprojekte zur Heroinverschreibung - ein Pionier.

Heute ist Garbani Regierungsstatthalter und hat in den vergangenen Wochen und Monaten drei Hanfshops in Biel schliessen lassen (eine vierte Verfügung ist unterschrieben). Und das ist erst der Anfang. Gestützt auf polizeiliche Ermittlungen und Anträge des Untersuchungsrichters, wird Garbani bald weitere Hanfläden schliessen: «Im Prinzip gehen wir in Richtung totale Schliessung.» Die Vermutung, er könnte zum Hardliner geworden sein, weist Garbani zurück. Aber vom strafrechtlichen Standpunkt gesehen sei der Fall klar: Der Verkauf von Rauchhanf sei illegal. Und er habe auch Verständnis für die Behörden von Biel, die sich um das Image der Stadt sorgten, als sie ein energischeres Vorgehen gegen die Hanfshop-Szene forderten. In bis gegen 40 Läden konnte zeitweise in Biel Cannabis kaufen, wer wollte.

«Kein Problem gelöst»

Andererseits, sagt Drogenfachmann Garbani, werde mit der Schliessung der Hanfshops «kein Problem gelöst» - und er lässt keinen Zweifel offen, dass er vom Nationalrat masslos enttäuscht ist, weil dieser im letzten Juni nicht auf die Revision des Betäubungsmittelgesetzes eingetreten ist und damit eine Entkriminalisierung des Cannabiskonsums und eine Regulierung des Handels verhinderte. Er hoffe nun, dass die Schliessung der Hanfläden so viel Druck erzeuge, dass neue Lösungen für das alte Problem gesucht würden. Vorläufig scheinen Anbieter und Konsumenten von Cannabis das Problem auf ihre Weise zu lösen. In Thun, wo die Hanfläden bereits vor Monaten geschlossen wurden, hat Polizeichef Erwin Rohrbach «vermehrt Handel auf der Strasse» festgestellt. Es gebe nun Leute, die Cannabis auf der Gasse verkauften, Leute, die neben harten Drogen auch Cannabis verkauften, und solche, die als Vermittler aufträten und dem Kunden den Stoff organisierten, den dieser suche. Durch den neuen Hanfhandel habe die Szene Zulauf erhalten, so Rohrbach. Ähnliche Beobachtungen hat die Polizei auch in Bern gemacht, wo die Hanfshops ebenfalls längst geschlossen sind. In Biel habe die Schliessungsaktion noch keine grossen Auswirkungen, sagt Stadtpolizeikommandant André Glauser, schliesslich seien ja noch über 20 Läden geöffnet. Drop-In-Leiterin Christine Meier hat von «Insidern» gehört, der Schwarzmarkt sei daran, sich neu zu strukturieren; vermehrt werde auf der Gasse und bei Anlässen Gras angeboten und nach Gras gefragt. Sie erwarte, dass sich die Szenen bald wie in Thun und Bern mischten, dass also etwa mit Kokain in Berührung komme, wer eigentlich nur etwas zum Rauchen gesucht hat.

Kreative Lösungen gesucht

Die Szene ist also im Umbruch. Während einige Hanfladenbesitzer bereits in den Fängen der Justiz gelandet sind, profitieren andere noch, so lange sie können. Gleichzeitig scheint Hanf, das eigentlich auf jedem Balkon gedeiht, wieder vermehrt über den Gassenhandel zum Kunden zu gelangen - gerade aus Sicht des Jugendschutzes eine bedenkliche Entwicklung. Wie weiter? Nach dem drogenpolitischen Nullentscheid vom letzten Juni hat die nationalrätliche Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit kürzlich eine Kommissionsinitiative beschlossen, die unter anderem fordert, dass «die Cannabisfrage unter Einbezug der hängigen parlamentarischen Initiativen aufgenommen und Vorschläge erarbeitet werden» sollen. Markus Theunert, Geschäftsführer des Fachverbands Sucht, begrüsst diese «ernsthafte Bemühung der Politik, einen Kompromiss zu finden». Die Kommissionsinitiative und die Volksinitiative des von Politikern aller Parteien getragenen Komitees «Pro Jugendschutz - gegen Drogenkriminalität» würden nun dafür sorgen, dass die Diskussion um die Entkriminalisierung des Cannabiskonsums etwa im Sommer 2006 wieder lanciert werde. Vielleicht finden kreative Geister schon vorher einen Ausweg aus dem Dilemma. Christine Meier will im Fachausschuss illegale Drogen der Stadt Biel vorschlagen, die städtischen Behörden sollten sich beim Bund um einen Pilotversuch für kontrollierten Hanfverkauf bewerben - analog den früheren Pilotversuchen mit der Heroinabgabe, mit wissenschaftlicher Begleitung und klar definierten Rahmenbedingungen. Philippe Garbani hört zum ersten Mal von dieser Idee - und findet sie interessant: «Warum sollte Biel nicht den Mut haben, hier eine Vorreiterrolle zu spielen?»

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