„Ich kiffe seit dreißig Jahren“

Götz Widmann über die Liedermacher-Szene, die Legalisierung von Cannabis und seine Gedanken

http://chilli.cc 29.09.2009

Götz Widmann ist Liedermacher und steht nun schon seit 1993 auf der Bühne. Zunächst mit Martin „Kleinti“ Simon als Duo namens „Joint Venture“, nach dessen Tod solo. Doch trotz dieser langen Karriere steht Widmann noch immer hinter den Texten von früher und bereut es nicht sein BWL-Studium hinter sich gelassen zu haben. Denn als ehrlicher Musiker ist man glücklicher. Und wenn Widmann könnte, wie er wollte, dann wäre auch Cannabis legal.

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CHiLLi: Du hattest gute Noten in der Schule und im BWL-Studium. Warum hast du keinen ordentlichen Beruf ergriffen?

Götz Widmann: Weil ich die Musik viel schöner finde. Ich verstehe heute sowieso nicht mehr, warum ich diese seltsame Ausbildung überhaupt gemacht habe. Nachdem ich sie beendet hatte, bin ich zur Vernunft gekommen und hab’ mich dazu entschlossen, etwas zu machen, das mich glücklich macht, anstatt mich irgendwelchen Konzernen in die Fangarme zu schmeißen. Es war zwar riskant, aber ich habe Glück gehabt und letztendlich war es die richtige Entscheidung.

CHiLLi: Aber hat es dich nie gereizt in einem großen Konzern an die Spitze zu klettern?

Götz Widmann: Nein. Wir wollten zwar damals auch für große Konzerne arbeiten, als wir angefangen haben, uns bei allen möglichen Plattenfirmen zu bewerben. Die wollten uns aber nicht haben, und heute bin ich sehr glücklich darüber. Dadurch konnte sich alles ganz frei entwickeln. Es hat uns keiner reingeredet.

CHiLLi: Du bist erst spät, nach dem Studium, zur Musik gekommen.

Götz Widmann: Nein, das kann man so nicht sagen. Ich habe mit zwölf Jahren angefangen, Gitarre zu spielen, das hat sich dann aber wieder verflüchtigt. Ich habe eher davon geträumt Schriftsteller zu werden, als Liedermacher. Das hat sich dann einfach so ergeben, als Abfallprodukt beim Schreiben eines Romans habe ich ein paar Lieder geschrieben und die waren einfach viel besser als das, was ich für den Roman geschrieben habe.

CHiLLi: Wieso wolltest du Schriftsteller werden?

Götz Widmann: Das hat mich einfach schon immer fasziniert und ich wollte immer etwas Kreatives machen. Seit ich meine erste „Beatles“-Platte hatte, dachte ich mir, das ist ne schöne Art, sein Geld zu verdienen.

CHiLLi: Trotzdem verdient man damit nicht die Welt.

Götz Widmann: Es könnte schlimmer sein, mir geht es eigentlich ganz gut. Ich kann es mir mittlerweile auch leisten, eine Weile lang nicht aufzutreten. So kann ich die Zeit auch mehr zum Schreiben nutzen, das tut meinen Liedern gut. Ich kann mich wirklich voll meiner Kunst widmen, und das ist mir eigentlich das wichtigste.

CHiLLi: Aber trotzdem erscheint fast jedes Jahr eine neue Platte.

Götz Widmann: Der Rhythmus ist alle eineinhalb Jahre. Jetzt kommt auch bald wieder eine neue Platte. Vom Gefühl her ist die richtig gut geworden und wahrscheinlich auch die beste Soloplatte, die ich gemacht habe.

CHiLLi: Früher als Duo und heute solo. Was macht da mehr Spaß? Götz Widmann: „Joint Venture“ war toll. („Joint Venture“ wurde 1993 von Götz Widmann und Martin „Kleinti“ Simon gegründet, „Kleinti“ verstarb 2000, Anmerkung d. Redaktion) Ich konnte mir früher als wir noch ein Duo waren, auch nie vorstellen irgendwann mal solo aufzutreten. Ich habe uns als Duo gut gefunden und es hat auch Spaß gemacht mit jemand anderen zusammen zu arbeiten – diese musikalische Reibung, dieses Ergänzen. „Keinti“ war auch ein toller Kritiker meiner Texte. Es gab natürlich auch Stress, denn wenn man so lange zusammen unterwegs ist, ist man wie ein altes Ehepaar. Jetzt wo ich mich auch an das Solo-Dasein gewöhnt habe, finde ich es ganz toll. Es ist ruhiger.

CHiLLi: Du bist seit „Joint Venture“ solo unterwegs. Hält es keiner mit dir aus?

Götz Widmann: Es hat sich nie jemand aufgedrängt und gefunden. Noch dazu ist alleine auftreten auch viel besser bezahlt (lacht) Ich stehe auch gerne alleine auf der Bühne und das wird sich auch in nächster Zeit nicht ändern. Es ist einfach bequemer alleine, mit einer Band muss man immer die Instrumente schleppen, einen langen Soundcheck machen und so weiter. Aber irgendwann mach’ ich das vielleicht auch noch mal.

CHiLLi: Die Liedermacher-Szene ist klein und überschaubar, es kommen auch nicht viele Junge nach. Woran könnte das liegen?

Götz Widmann: In den letzten Jahren gab es ganz schön viele, die sich versucht haben. Doch das wird vom Publikum nicht beobachtet. In den späten Siebzigerjahren in Deutschland war es so, dass du nur ein politisches Bewusstsein gebraucht hast und eine Gitarre halten können musstest, und schon hast du einen Plattenvertrag bekommen. Die Musikindustrie hat erkannt, dass man mit politischen Texten Geld verdienen kann. Dadurch hat das ganze auch seine Unschuld verloren. Viele linke Liedermacher sind nur noch zu Demos gegangen, weil sie dort hingehen mussten. Das ganze war ziemlich verlogen, und die Zuschauer haben das auch gemerkt. Dadurch hat diese Szene ihre Existenzberechtigung verloren. Ein Liedermacher muss sich mit dem, was er predigt, voll identifizieren. Als wir mit „Joint Venture“ ankamen, war die Szene tot. Heute gibt es auch wieder Liedermacher, nur die kennt noch niemand, aber ich denke, da kommt schon was in den nächsten Jahren.

CHiLLi: Inwieweit ist so etwas in der heutigen Pop-Kultur noch möglich?

Götz Widmann: Es ist einfach ein langer Weg, der über Konzerte führt. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass man einen Liedermacher über die Plattenfirma groß macht. Dieses Sich-selbst-managen ist Teil des Ganzen, finde ich. Und dass man eben nicht in den Klauen eines kapitalistischen Großunternehmens gefangen ist. Dabei verliert man an Bodenständigkeit, Ehrlichkeit und Authentizität.

CHiLLi: Du machst schon seit Jahren Musik. Wie hat sich da das Publikum verändert?

Götz Widmann: Es sind vorwiegend junge Leute, wobei ich mich schon auch freuen würde, wenn ältere kommen würden. Ich bin manchmal echt der Älteste auf meinen Konzerten. Ich denke, das liegt auch einfach an den Themen, die einen gewissen Jugendbezug haben. Sachen die nicht im Fernsehen laufen oder promotet werden, sprechen sich bei jungen Leuten eher rum als bei alten Leuten. Das Internet spielt auch eine große Rolle. Viele lernen mich über Schwarzbrennen und Downloads kennen.

CHiLLi: Kannst du dich heute noch mit den Liedern identifizieren, die du vor fünfzehn Jahren geschrieben hast?

Götz Widmann: Ja, eigentlich schon. Ein paar kann ich zwar nicht mehr hören, weil ich sie schon zu oft gespielt habe. Ein paar Lieder würde ich heute auch nicht mehr so schreiben, weil sich meine Lebenssituation verändert hat. Ich habe nicht mehr so eine Wut auf die Welt, sondern bin eigentlich ein ganz glücklicher Mensch. Es ist auch lustig, alte Lieder zu spielen, weil da dieses Lebensgefühl von früher wieder hochkommt. Es ist so, wie ein altes Foto angucken, nur intensiver.

CHiLLi: Die Texte sind doch eher provokant und auch gesellschaftskritisch. Müssen die Texte so sein, damit sie Aufmerksamkeit erregen?

Götz Widmann: Das ist eine Frage, die ich mir so beim Schreiben gar nicht stelle. Ich glaub’, ich bin einfach so. Es ist auch irgendwie doof, dass die provokant sind, weil es zeigt, wie verklemmt unsere Gesellschaft eigentlich ist. Ich sage nur, was ich denke, und ich sehe auch, dass ich damit vielen Leuten aus der Seele spreche. Ich versuche auch nicht, mit Absicht zu provozieren. Mit ein paar „Joint Venture“-Nummern haben wir es vielleicht so gemacht, aber darum geht es mir jetzt nicht mehr.

CHiLLi: Du bist auch dafür, Cannabis zu legalisieren.

Götz Widmann: Genau. Bei den anderen Sachen bin ich zu inkompetent, da erlaube ich mir kein Urteil. Wenn ich Bundeskanzler wäre, würde ich auf jeden Fall sofort Cannabis legalisieren. Cannabis hat im Gegensatz zu Alkohol weniger gesellschaftlich negative Konsequenzen und macht den Leuten auch mehr Spaß. Daher ist es Schwachsinn so etwas zu verbieten und die Leute in den Schwarzmarkt zu drängen. Man könnte damit auch Steuereinnahmen lukrieren, die man für sinnvolle Dinge nützen könnte. Es wäre auch gesundheitspolitisch von Vorteil, da oft genug irgendwelcher Mist verkauft wird. Eine Qualitätskontrolle wäre bei einem Naturprodukt wie Cannabis doch auch angebracht. Es gäbe viele Vorteile, vor allem auch für die Betroffenen. Es wurde ja auch in Holland durch die Legalisierung nicht mehr gekifft. Als Einstiegsdroge sehe ich es auch nicht. Ich kiffe seit dreißig Jahren und habe mir noch immer keine Spritze in den Arm gejagt.

CHiLLi: Für viele Künstler sind Drogen auch eine Hilfe für das Kreativsein.

Götz Widmann: Ja, auf jeden Fall. Man assoziiert schneller, wenn man gekifft hat. Es fallen einem viele neue Ideen ein, dadurch verliert man auch oft schnell den Faden. Als ich versucht habe so einen Roman zu schreiben, hat es nicht funktioniert, aber zum Texte schreiben funktioniert es ganz gut. Ich hab’ auch schon welche nüchtern geschrieben, das dauert dann ein bisschen länger.

CHiLLi: Wenn man immer unterwegs ist, sehnt man sich doch auch nach einer Familie und nach Beständigkeit.

Götz Widmann: Nein, vielleicht nach zuhause. Aber wenn ich mal eine Woche zuhause bin, zieht es mich auch wieder nach draußen. Ich kann mir meine Pausen heute zum Glück auch leisten. Klar ist es schön auch mal zuhause zu sein, aber ich bin vom Charakter her ein Nomade.