Haschisch gegen Bauchweh

Von Wiebke Rögener

Was Kiffer meinen, ist Ärzten normalerweise egal. Schließlich stehen Haschraucher im Ruf, einen vernebelten Kopf zu haben. Doch manchmal lohnt es sich trotzdem, Drogennutzern zuzuhören. Denn sie können Hinweise darauf geben, wie eine Rauschpflanze wirkt. Schließlich es ist durchaus möglich, dass sich diese Wirkung medizinisch nutzen lässt.

Und tatsächlich: Indischer Hanf oder Marihuana - Wissenschaftlern bekannt als Cannabis sativa - könnte Patienten helfen, die an chronischen Darmentzündungen leiden. Britische und deutsche Forscher untersuchen derzeit, ob und wie die Droge als Medikament für den Bauch nützlich sein könnte.

Entzündungen sind normale Abwehrreaktionen des Körpers gegen eingedrungene Krankheitserreger. Gefährlich wird es, wenn die Schutztruppen außer Kontrolle geraten, dauerhaft im Alarmzustand bleiben und sich gar gegen körpereigenes Gewebe wenden, wie im Fall von chronischen Darmentzündungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. Beide Erkrankungen gehen einher mit Durchfällen und starken Schmerzen, sie führen zu Geschwüren und Fisteln in der Darmwand. Die Ursachen sind unbekannt, und bislang gibt es keine passende Therapie, die das Übel an der Wurzel packt.

Immer wieder hörten Ärzte von Darm-Patienten, die Marihuana rauchen: "Nach einem Joint geht’s mir viel besser". "Anecdotal evidence" nennen Forscher solche Berichte. Versuche mit Mäusen konnten die Wirkung bestätigen, auch sie reagieren positiv auf eine Marihuana-Therapie: Wissenschaftler des Max Planck Instituts für Psychiatrie und der Universität München stellten fest, dass Darmentzündungen bei den Nagern milder verliefen, wenn die Tiere Wirkstoffe der Hanfpflanze (Cannabinoide) erhielten. Besonders schlecht erging es dagegen genetisch veränderten Mäusen, bei denen ein Empfängermolekül (Rezeptor) für Cannabinoide ausgeschaltet war.

Förderung der Wundheilung

Ein Forscherteam der University of Bath wollte es nun genauer wissen. Karen Wright und ihre Kollegen suchten in Proben menschlicher Darmschleimhaut nach den Rezeptoren, an die Cannabinoide ankoppeln können. Zwei solcher Rezeptoren sind bekannt. Einer davon, CB1, kommt hauptsächlich im Gehirn vor und vermittelt die berauschende Wirkung. Der andere, CB2 genannt, wurde bisher vor allem auf Immunzellen gefunden. Beide Typen spürten die britischen Forscher nun im Darm auf. Hier scheinen sie auf unterschiedliche Weise den zerstörerischen Entzündungsprozessen entgegenzuwirken. CB1 ist gleichermaßen bei Gesunden wie auch bei Patienten mit chronischen Darmentzündungen zu finden. Koppelt ein Cannabinoid daran, fördert das - zumindest in Gewebekulturen - die Wundheilung, stellte Wrights Gruppe fest. CB2 dagegen fand sich vor allem im erkrankten Darmgewebe und reguliert womöglich Entzündungsprozes-se.

"Der positive Effekt von Cannabis beruht offenbar auf dem Zusammenspiel dieser Mechanismen", sagt Martin Storr von der Universität München. Dort wird seit Februar dieses Jahres ein Hanfextrakt für die Therapie von Morbus-Crohn-Patienten erprobt. Ob’s hilft, kann Storr noch nicht sagen, denn weder Ärzte noch Patienten wissen bisher, wer in der Studie Cannabis und wer ein Placebo erhält. Die Droge verrät sich jedenfalls nicht durch ihre berauschende Wirkung: "Da die Patienten den Pflanzenextrakt schlucken und nicht rauchen, wird der Stoff teilweise in der Leber abgebaut. Daher geht er wahrscheinlich nicht so sehr in die Birne", erläutert Storr. Dennoch dürfen die Studienteilnehmer nicht Auto fahren. Zudem müssen die Forscher strenge Auflagen beachten: Der illegale Stoff wird im Panzerschrank gelagert.

Dass Haschisch künftig in der Apotheke verkauft wird, glaubt Storr nicht. "Die Pharmaindustrie arbeitet längst an Stoffen, die wie Cannabis wirken, aber die Blut-Hirn-Schranke nicht überschreiten, also keinen Rausch auslösen", erläutert er. "Jeder Big Player hat da fünf, sechs Substanzen in der Pipeline." Sollte sich die heilsame Wirkung von Cannabis bestätigen, könnten sie relativ schnell auf den Markt kommen. Statt "legalize it" steht also eher eine Trennung der Drogeneffekte auf Kopf und Bauch bevor.

Aus der FTD vom 23.08.2005 © 2005 Financial Times Deutschland http://www.ftd.de/rd/19232.html