Die gedopte Schweiz

Die Situation ist paradox. Alle wissen, wie verbreitet der Konsum von Aufputschmitteln, Medikamenten, Drogen und Alkohol ist. Trotzdem tun viele so, als wäre der Missbrauch ein Phänomen asozialer Aussenseiter.

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20.07.2007

Seien wir mal ehrlich: Die Schweiz ist ein Drogenstaat, und wir sind ein Volk von Süchtigen. Hunderttausende kiffen täglich. Fast die Hälfte der 15- bis 24-Jährigen hat schon Joints geraucht; 15 Prozent der Jungen benebeln sich regelmässig mit Cannabis. Mit knapp neun Litern reinen Alkohols pro Kopf und Jahr zählt die Schweiz auch punkto Trinken zu den Hochkonsumländern. 300000 Alkoholiker leben hier. Mehr als 100000 Jugendliche trinken sich zweimal pro Monat ins Delirium. Oder Medikamente: 60000 Abhängige in der Schweiz sind in Behandlung. Weitere 110000 fallen durch einen «auffälligen Gebrauch» von Arzneimitteln auf, wie es im Ärztejargon salopp heisst, und 540000 konsumieren täglich «Medikamente mit Missbrauchspotenzial».

Wer überfordert ist, putscht sich auf. Wer nicht mehr laufen mag, tröstet sich im Rausch.

Besonders gefährdet sind die gesellschaftlich Arrivierten. Laut einer soeben veröffentlichten Studie greift rund ein Viertel aller Bankangestellten zu Betablockern und Antidepressiva. Und eine Genfer Umfrage unter Ärzten zeigt: Viele Weisskittel sind süchtiger als ihre Patienten. So gaben 65 Prozent der 1700 befragten Ärzte an, regelmässig Schmerzpillen zu schlucken. Bei Schweizern stark en vogue ist auch die Luxusdroge Kokain. Laut dem UNO-Weltdrogenreport werden allein in Basel täglich rund 1500 Linien gesnifft. Nur acht europäische Städte weisen einen höheren Koks-Verbrauch auf, darunter St. Moritz und Zürich.

Seit 30 Jahren wird ein verzweifelter Kampf gegen Drogen geführt; Millionen von Franken fliessen jährlich in die Prävention. Doch die Mittel verpuffen in einer Gesellschaft, die auf Speed ist. Wir fahren immer schnellere Autos, kaufen immer schnellere Computer, leisten immer mehr in immer kürzerer Zeit. Wer nicht mehr mithalten kann, greift zu Muntermachern; wer nicht mehr laufen mag, tröstet sich im Rausch.

Doping ist schlecht und muss bestraft werden. Doch statt sich über die Exzesse einiger erfolgsgeiler Spitzensportler zu erregen, täte unsere gedopte Gesellschaft gut daran, einmal über Grundsätzliches nachzudenken - etwa über das steigende Lebenstempo und die damit verbundenen Folgen für die Lebensqualität.

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