Der "Ghandi" aus den Walliser Alpen
Bernard Rappaz wohnt auf der Ferme de l’Oasis in Saxon, doch mit einer Oase hat sein Hof im Moment wenig gemein. Nach einer Fahrt durch das sonnengetränkte Tal mit den vielen Aprikosenbäumen, Reben und Tomatenstauden bietet sich der unerwartete Anblick eines verwilderten, verdorrten, abweisenden Fleckens Land. Ein schweres Schiebetor versperrt den Zugang zum Grundstück. Rundherum ist ein Wall aus Rebholz aufgeschichtet. Auf dem Metallzaun windet sich Stacheldraht.
Warum er sich eingebunkert habe, fragen wir den Hausherrn. Weil das, was er hier drinnen in der Regel anpflanze und lagere, auch schon gestohlen worden sei, sagt er mit einem Schulterzucken. Aha, haben seine Kritiker also doch Recht: Sie sagen, der schlaue Hanfbauer verdiene sich eine goldene Nase mit seinen Cannabis-Pflanzen, deren rauschbringender THC-Gehalt die gesetzlich erlaubte Grenze für Gebrauchshanf bei weitem übersteige. Rappaz lehnt sich auf dem durchgewetzten Stoffsofa im Wohnzimmer zurück und winkt ab. Nein, illegalen Handel betreibe er nicht.
Wie auch immer: Reich wird er in diesem Sommer kaum. Denn der Walliser Untersuchungsrichter hat diesen Frühling Rappaz’ Hanf-setzlinge und Samen vernichten lassen. «Sie waren für den Verkauf ins Ausland bestimmt, das ist legal», ärgert sich Rappaz über den Richter, den er vor Bundesgericht bereits einmal besiegt hat: 50 Tonnen beschlagnahmten Hanfs musste dieser wieder freigeben. Doch der 54-jährige Rappaz wanderte im April einmal mehr in Untersuchungshaft, und wie immer wehrte er sich auf seine Art: Er hörte auf zu essen, trank nur Tee und Wasser, 71 Tage lang. Rappaz’ viel jüngere Lebenspartnerin, die mit ihrem achtjährigen Sohn, drei freundlichen Hunden und einer Katze den Hof bewohnt, nahm in dieser Zeit vor lauter Sorge zehn Kilogramm ab. «Ich habe viel gebetet - und Bernard vertraut: Er kennt seinen Körper», sagt sie voller Bewunderung. Rappaz, dessen eigene Kinder schon erwachsen sind, gefällt das sichtlich. Er nickt: Seit er als 13-Jähriger über Ghandi gelesen habe, faste er regelmässig.
Und heute beruft er sich auf Ghandi, wenn er aus seinem Leben erzählt. Rappaz wurde zum Verfechter des gewaltlosen Widerstands und verweigerte den Militärdienst, engagierte sich auch in einer politischen Gruppierung, die sich für die Straffreiheit von Dienstverweigerern aus Gewissensgründen einsetzte. Als sich der Mitorganisator der ersten Walliser Open-Air-Konzerte im Paris von 1968 während der Ausbildung die Haare in Hippiemanier wachsen liess, protestierte der Vater vergeblich. Hatte sich der Sohn, der gerne Arzt oder Sozialarbeiter geworden wäre, zunächst noch gefügt und wunschgemäss Weinbau gelernt, begehrte er dann als 18-Jähriger gegen ein angepasstes Leben auf. Das «Luxusauto», das ihm der Vater zum Geburtstag schenken wollte, lehnte er ab und verliess das Elternhaus.
Rappaz wollte nach Kathmandu fahren, doch weiter als bis Siders kam er nicht. Nach diversen Gelegenheitsjobs kaufte er im Dorf seiner Kindheit 1975 die Ferme de l’Oasis und stellte auf Bio-Landbau um - eine Provokation im Wallis, das Rappaz als Nestbeschmutzer beschimpfte, wie er sagt.
Der Vater soll es ihm nicht verziehen haben. Kontakt hätten die beiden seither keinen mehr, erzählt sein einziger Sohn scheinbar ungerührt. «Im Wallis war ich stets ein Pionier», sagt Bernard Rappaz stolz. Den Behörden trotzte er die Bewilligungen für eine Solarinstallation und für eine Windmühle ab und stand Pate bei der Gründung der ersten WWF-Sektion.
Seit Rappaz 1975 auch mit dem Hanfbau begonnen hat, ist ihm die Walliser Justiz auf den Fersen. Hanftee, Hanfsamen, Hanföl, Duftsäckchen, therapeutischer Hanf und Haschisch auf ärztliches Rezept: Rappaz hat, seit einigen Jahren gemeinsam mit einem knappen Dutzend anderer Bauern über die Firma Valchanvre, alles Mögliche ausprobiert. «Hanf ist eine unglaublich vielseitige, ökologisch wertvolle Nutzpflanze», schwärmt Rappaz. Doch leider sei sie als «Drogenpflanze» in Verruf und er selbst im Wallis als «Teufel» verschrieen, weil er für die Legalisierung des Cannabis-Konsums eintrete. Dass er Haschisch für den Eigengebrauch anpflanzt, verschweigt er nicht. Und die Rolle des «Teufels» spielt er gern, solange ihn die Medien in Anspielung auf den Walliser Falschmünzer und Freiheitshelden den «Farinet von Saxon» nennen.
Bei unserem Besuch steht Bernard Rappaz noch unter Hausarrest. Zweimal täglich schaut die Polizei vorbei, er winkt ihr aus dem Fenster zu. Und als er über Mittag zu seinem Coiffeur fährt, ruft er die Polizisten vorher an. Nach dem Coiffeurbesuch fühlt sich Rappaz frisch und gut. Schulterlang trägt er die Haare nach wie vor.
Rappaz hat das Wallis vor seinem letzten Hungerstreik übrigens doch noch verlassen und ist nach Nepal gereist. Doch er ist zurückgekehrt in die Heimat, in der sie ihm diesen November den Prozess machen werden. Bernard Rappaz will sich wehren und dieser vermeintlich verbockten Justiz zeigen, was ein echter Hanfaktivist ist. Man ahnt, dass er endlich richtig ernst genommen werden will. Schon in der Schule, so hat er uns erzählt, wollte er stets Klassenbester sein.